Aug 272008
 

Für manche Themen scheint einfach die Zeit zu sein. Neulich schon war das Semikolon im Englischen Thema hier im Blog, da kommen gleich drei weitere Diskussionen auf meinen digitalen Schreibtisch.

Mann Eigentlich ein trauriger Tag, wenn die Frage aufkommt, whether the use of semicolons is (ahem) gay.

Aufgehängt ist das Posting am Artikel Sex and the Semicolon, in dem beleuchtet wird, welche (männlichen) Autoren dieses Zeichen nie genutzt haben – oder im Gegenzug dazu gefördert haben. Dabei hebt sich Vonnegut als Gegner besonders hervor, der das Semikolon als “transvestite hermaphrodite representing absolutely nothing” bezeichnete.

Da fragt der Autor zu Recht:
If semicolons are masculine enough for Melville and Irving, why should they unsettle Barthelme and Vonnegut? Are today’s male writers just more insecure than yesterday’s about the manliness of their vocation?

(Erstaunlich, in welche Dimensionen sich eine Diskussion über Satzzeichen entwickeln kann.)

Und zum Abschluss dieser Livejournal-Eintrag von “Tightrope Walker”, eine der Episoden-Verfasserinnen der Serie “House”, in dem sie the passion of the semicolon beschwört.

The semicolon does not force; it guides with clarity and logic through the thickets of prose — and in its way it guides the writer, too, for even a semicolon cannot link two entirely disparate points. Coherence comes as a side-effect.

 

…hat Stefan Niggemeier in seinem Blog unter Pille macht Journalisten impotent gerade einen genialen Artikel verfasst. Wer das Bildblog liest, trifft ja öfters auf solch eigenartigen Entwicklungen von der (wissenschaftlichen) Originalveröffentlichung zum medienwirksam, aber fehlerhaft umgeschriebenen Zeitungsartikel – allerdings sieht man hier schön, dass dieses Problem Medien aller Qualitätsstufen betrifft.

newspaper

Bei Fotografien ist man leider auch nicht gegen Verfälschung gefeit, wie man in der neuesten c’t unter Können diese Pixel lügen? nachlesen kann. Da wird zurechtgeschoben, kombiniert und gephotoshopped, was das Zeug hält, selbst von Profis, bei denen man sich auf die Echtheit der Dokumentation verläßt.

Bald ist nur noch real, was entweder leicht verständlich und eingängig oder optisch schön ist. Und die Frage, was denn nun die ursprüngliche Aussage war, in Zukunft immer schwieriger zu klären.

 

Neu auf meiner Leseliste ist das Blog False Friends mit dem Untertitel: Ein Blog über den Missbrauch von Englisch im Deutschen (Denglisch), schlechte Übersetzungen ins Englische, und generell über die Tücken des Berufs “englischer Übersetzer/Texter” in Germany.

Sehr interessant zu lesen, mit herrlichen Beiträgen über IT-Denglisch, Wort-Verwechslungen und sonstigen krausen Sprachvergewohlwaltigungen, die einen englischen Muttersprachler (und alle anderen, die halbwegs Englisch beherrschen) in die Verzweiflung treiben können.

Passend dazu gabs in einem anderen Blog neulich einen Beitrag zu der Ersetzung von “Reihenhaus” durch “Townhouse” in der Berliner Wohnentwicklung. In Sachen Sprachverbiegung ist der Bereich Marketing einfach ungeschlagen…

Blogauslese…

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Jul 262008
 

Neulich sind zwei interessante englischsprachige Artikel in meinem Bloglines aufgelaufen, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte:

A Small Study of Big Blogs analysiert relativ ausführlich, was die aktuell erfolgreichsten Blogs in Sachen Design gleich oder anders machen. Layout-Design (2 oder 3 Spalten), Schriftgrößen, CSS oder auch Tabellen? In einem Rundumschlag erhält man einige Ideen, was man am eigenen Blog vielleicht noch optimieren könnte.

In Fate of the Book geht es um die Frage, ob das klassische Buch noch eine Zukunft hat. Der Artikel fasst eine Reihe von laufenden Diskussionen zusammen und bietet genug Linkverweise, um ein regnerisches Wochenende mit dem Thema zu verbringen.

A decade later I stand by my point that we should resist the idea that the book is the apex of human culture. It seems likely we’ll soon invent other forms of media that take what the book has done and do it better. sagt der Author.

Was der erste Kommentar wunderbar ergänzt:
Book may go, but not the deep thinking which book was a tool for. Now we need to create book2.0 or another tool to keep deep thinking alive.

books

Auch wenn ich persönlich extrem viel und gerne online lese, so sind doch sehr viele meiner Fachbücher noch echte Bücher. Meiner Erfahrung nach wird in viele digital veröffentlichten Texte (bisher) einfach nicht soviel Arbeit und Sorgfalt gesteckt wie in die Print-Produktionen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass diese Arbeit online noch nicht entsprechend bezahlt wird. Aber warten wir es ab…

Jul 232008
 

Der Blog einer mir aus Xing bekannten Schreiberin – unter Frisch gestrichen gibt es Interessantes und Schräges aus dem Alltag einer Lektorin, heute beispielsweise zum nicht existierenden Wort “Mund-zu-Mund-Propganda”. Eine passende Ergänzung zu meinem eigenen Blog :)

 

Ein leidiges Thema, um das ich mich nie wirklich gekümmert habe (dank Quereinstieg und vornehmlich elektronischer Korrektur) – eigentlich gibt es hochoffizielle Korrekturzeichen. Und die sehen etwas anders aus als meine seitlichen Striche wie vom Deutschlehrer oder meine kreativen Schlangenlinien.

Falls es Ihnen auch so geht, so gibts Nachhilfe im CleverPrinting-Newsletter unter Korrekturzeichen nach DIN 16 511. Außer einem Überblick finden Sie dort auch ein kostenfreies PDF zum Herunterladen, in dem die Anwendung dieser Korrekturzeichen ausführlich dargestellt ist.

Ein echtes Schnäppchen für alle, die sich mit diesem Thema befassen wollen (oder müssen).

 

“Soft Language” ist ein Begriff, der von George Carlin geprägt wurde. Er bezeichnet damit die modernen, “politically correct” und dadurch auch oft verschleiernden Wortschöpfungen, die seiner Meinung nach die Lebendigkeit aus dem Leben nehmen (“take the life out of life”). Auszug aus einem Artikel über Soft Language in About.com:

“Sometime during my life toilet paper became bathroom tissue. . . . Sneakers became running shoes. False teeth became dental appliances . . . Used cars became previously owned transportation. Room service became guest room dining. Constipation became occasional irregularity. . . .

Einen Auftritt dazu können Sie sich unter George Carlin on Soft Language (youtube) anschauen. Ein echtes Vergnügen, auch wenn die Botschaft durchaus ernsthaft ist. Wieweit ist Sprache heute eine maßgeschneiderte Verschleierung von zugrundeliegenden, auch mal unangenehmen Gegebenheiten?

“The CIA doesn’t kill anybody anymore. They neutralize people. Or they depopulate the area. The government doesn’t lie. It engages in misinformation. The Pentagon actually measures radiation in something they call sunshine units. . . . “

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Man fühlt sich an “1984″ erinnert; doch wo dort noch ein brutales Regime die kontrollierte Sprache Newspeak erfinden und von oben durchdrücken musste, arbeiten die Schreiber und Sprecher heute durchaus freiwillig mit.

Klassisch heißen solche Begriffe “Euphemismen” (aus dem Griechischen für “Worte guter Vorbedeutung gebrauchen”), und Kluges dazu findet sich beispielsweise unter Euphemism in About.com:

“Euphemisms are not, as many young people think, useless verbiage for that which can and should be said bluntly; they are like secret agents on a delicate mission, they must airily pass by a stinking mess with barely so much as a nod of the head. Euphemisms are unpleasant truths wearing diplomatic cologne.”
(Quentin Crisp, Manners from Heaven)

Natürlich gibt es auch genug deutsche Euphemismen, beispielsweise in der deutschen Euphemismen-Datenbank. Da wird dann “freigesetzt” statt “entlassen”, es gibt “Nullwachstum” statt “Stillstand” und “mehr Eigenverantwortung übernehmen” bedeutet auch nur, dass mehr aus eigener Tasche gezahlt werden muss. Eine suboptimale ;) Entwicklung – ja, auch ich bin nicht gegen Euphemismen gefeit. Aber ich werde in Zukunft mal ein wenig genauer hinhören. Sie auch?

Normenverdeutlichend?

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Jul 072008
 

Eine Besonderheit der deutschen Sprache ist die Möglichkeit, interessante neue Worte zu bilden. Auf das obenstehende bin ich in einem Artikel im Bremer Weser-Report gestossen, dem hiesigen Sonntagsblättchen. Dort hieß es im Kontext von zwei Kindern, die Amoklauf- und Selbstmordansichten geäußert hatten:

Polizeisprecher Ronald Walther: “Nach einem normenverdeutlichenden Gespräch haben wir die beiden ihren Eltern übergeben.”

Ein tolles Wort. Eine Freundin interpretierte es im Kontext des karpfenjagenden Eisbären Knut zu:

“Knut, Fische sind Freunde, kein Futter!”

Eine ernsthafte Suche bei Google bringt immerhin 10 Treffer unter Ausblendung ähnlicher Fundstellen, und eine analoge Zahl mit neuer deutscher Rechtschreibung (“Normen verdeutlichend”). Seit ca. 1998 scheint es diese Wortschöpfung zu geben, in den Duden hat sie es allerdings noch nicht geschafft. Kann nur noch wenige Jahrzehnte dauern – oder wir warten auf das nächste Modewort zur Jugendproblematik.

 

Ist das Semikolon am Aussterben? Nimmt es bald ein trauriges Ende als zwinkender Smiley ;)?

Unter Has modern life killed the semicolon? findet sich ein englischer Artikel, der die Entwicklung von der Frühzeit über das 18. Jahrhundert und speziell seit 1848 (hier hatte Poe noch die zu häufige Benutzung kritisiert) aufzeigt. Eine Fülle an Semikolons und Gedankenstrichen war bis dahin üblich:

As Coleridge hints, semicolons hit a speed bump with Romanticism’s craze for dashes, for words that practically spasmed off the page. Take this sample from the 1814 poem The Orphans: “Dead—dead—quite dead—and pale—oh!—oh!”

Innerhalb von nur 20 Jahren nahm die Häufigkeit des Semikolons dann allerdings rapide ab. Warum? Als Erklärung wird das Auftreten des Telegrafen als dem “Viktorianischen Internet” geliefert:

Perusing telegraph manuals reveals that Morse code is to the semicolon what weedkiller is to the dandelion. Punctuation was charged at the same rate as words, and their high price—trans-Atlantic cables originally cost a still-shocking $5 per word—meant that short, punchy lines with minimal punctuation were necessary among businessmen and journalists.

Auch in Frankreich gab es neulich schon eine öffentliche Debatte zum Aussterben – im Artikel Das Zeichen der Zauderer wird launig beschrieben, wie bei unseren Nachbarn und auch in Deutschland dieses wunderbar literarische Zeichen verschwindet und was man vielleicht dagegen tun kann. Hier findet sich auch die folgende wunderschöne Charakterisierung des Semikolons: Die Kunst innezuhalten, ohne aufzuhören.

Übrigens gelten all die Warnungen nur für die normale, geschriebene Spache – in Computersprachen sind Semikolons weit verbreitet und werden daher sicherlich so schnell nicht aussterben.

Aber auch Sie können jeden Tag dafür arbeiten, dass das Semikolon uns erhalten bleibt; die Textwelt wäre ohne dieses ärmer…

Das große Eszett

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Jul 012008
 

Gefunden im ib-Klartext-Blog – endlich gibt es ein offizielles großes ß im Unicode! Eine weltbewegende Meldung! Es muss zwar erstmal für die verschiedenen Fonts entwickelt werden, aber dann steht der Nutzung nach nur hundert Jahren der Diskussion nichts mehr im Wege. Ausführliches finden Sie in diesem Beitrag der Frankfurter Rundschau.

Meine Gedanken dazu:
a) Ich hätte nie gedacht, dass das Groß-ß es zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag Versal-ß geschafft hat.
b) Ich finde es unsinnig, in einer Zeit, wo ich mein Namensbestandteils-ß an allen internationalen Ecken und Enden sowieso zu “ss” auflösen muss (Flugtickets, Internet), die Nutzung des ß zu bestärken.
c) Ganz allgemein hätte ich es begrüßt, wenn bei der Rechtschreibereform das ß komplett hinausgeflogen wäre, schließlich können die Schweizer auch ohne dasselbe leben, und die Regeln zur Nutzung sind vielen Mitbürgern heute noch unklarer als früher, obwohl sie im Prinzip vereinfacht wurden. (Offizielle Regelung dazu unter K159 im gelben Duden: Das ß bleibt für den stimmlosen s-Laut nach einem langen Vokal oder Doppellaut, d.h. bei Maß, Blöße, Fleiß, reißen, außer… und wurde nach kurzem Vokal zu ss. Das berühmteste Beispiel dafür ist das “dass”.)

Auch wenn ich zugebe, dass der Schwung des ß in meiner Unterschrift viel dynamischer als ein analoges “ss” erscheint ;)

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