Pünktlich zum Jahresende gab es für tekom-Mitglieder wieder ein Buch der “Schriften zur Technischen Kommunikation” als Goodie. Dieses Jahr den nagelneuen Band Nr. 13 mit dem etwas unhandlichen Titel “Arbeits- und Gestaltungsempfehlungen für Technische Dokumentation. Eine kritische Bestandsaufnahme”. 12 Autoren schreiben darin über den aktuellen Erkenntnis- und Umsetzungsstand von Redaktionsleitfäden, Lasten- und Pflichtenheften, Übersetzungsmanagement, Checklisten, Typografie und Layout, Grafikgestaltung, Multimedia und Kreativität in der technischen Dokumentation.
The Intro
Die Einleitung liest sich sehr interessant, beleuchtet die Entwicklung in der Literatur zum Thema Dokumentation – früher ging es schwerpunktsmäßig um Qualität, heute um Standardisierung – und zeigt auf, dass einige gängige Regeln, wie die Verwendung von Aktiv/Passiv-Formulierungen, eher dem Reich der Glaubenssätze als der wissenschaftlich bewiesenen Regeln zuzuordnen sind. Dies nutzen die beiden Herausgeber als Aufhänger für die “kritische Bestandsaufnahme”. Ziel des Buches soll sein, aktuelle rechtliche Vorgaben und aktuelle Forschungsergebnisse zu beleuchten, und gängige Irrtümer oder Verunsicherungen zu beseitigen.
The Good
Nach der Einleitung waren meine Erwartungen recht hoch, doch die Beiträge sind sehr unterschiedlich. Meßbar scheint in der technischen Dokumentation nicht allzuviel zu sein, bzw. es wird nicht das Geld eingesetzt, um dies zu messen. An der Front der handfesten Erkenntnisse gefiel mir besonders der Artikel von Alexander Kalcher zu “Von Bildern und tausend Wörtern”, obwohl vieles davon die Softwaredokumentation nicht betrifft.
Hier zeigt sich auch schön, dass die Best Practice des einen Bereichs mit dem eines anderen kollidieren kann. So fallen mit Nummern beschriftete Abbildungen in der Usability eher durch, sind aber beim Übersetzungsmanagement eine große Erleichterung, da dort Grafiken möglichst sprachneutral sein sollten (und technisch die Verbindung von Grafik und Beschriftung auch heute noch nicht trivial ist).
Auch der Artikel “Gestaltungsempfehlungen für Technische Dokumentation im Internet” von Jutta Kowalski ist eine schöne Einführung für alle, die mit Design und Usability fürs Web bisher weniger zu tun hatten.
Hand und Fuß hat der Artikel “Checklisten” von Peter Oehmig, und aus eigener Erfahrung kann ich nur bestätigen, dass a) projektspezifische Checklisten zur Qualitätssicherung sehr hilfreich sind und b) die zu erfüllenden Kriterien in der Bewertung außer “ja” und “nein” unbedingt auch ein “nicht zutreffend” bieten müssen, damit die Checkliste verwendbar bleibt.
The Expected
Vornehmlich Standards abbildend fand ich die Artikel zu Rechtssicherheit, Übersetzungsmanagement, Typografie und Layout. Nichts wirklich Neues im Lande.
The Mixed
Im Artikel zu Lasten- und Pflichtenheft, der interessant anfing, hätte ich mir im späteren Verlauf gewünscht, bei den Begriffsklärungen entweder ein wenig tiefer einzusteigen, beispielsweise in die im Softwarebereich vorherrschenden internationalen Begriffe, oder die länglichen Ausführungen zu den Begriffsverwirrungen ein wenig zu kürzen. Wie ein Bekannter aus dem Investitionsgüterbereich so schön sagt, “Namen sind Schall und Rauch” und er bezeichnet das Dokument so, wie der Auftraggeber es gerne hätte.
Eher schwammig fand ich den Artikel zu Multimedia in der Dokumentation. Dies scheint ein Bereich zu sein, in dem die Meßbarkeit sehr schwierig ist, so dass die Ergebnisse von Untersuchungen stark der Interpretation unterliegen und der Einfluß von Qualität der Inhalte, dem eigenen Empfinden der Probanden und den technischen Möglichkeiten der Umsetzung sehr schlecht aufgeschlüsselt werden können. Bei Effektivität und Kostenplanung muss außerdem sehr genau der Einzelfall betrachtet werden. So gibt es z.B. in der Softwaredokumentation keine sprachneutrale 3D-Animation, sondern jede Sprache bietet ihre eigene Oberfläche, so dass der Recycling-Faktor sehr gering ist.
Last not Least
Das Buch schließt mit einem Firmenbeispiel, der Umsetzung von Dokumentationsstandards und -richtlinien bei SAP. Sehr interessant, besonders auch die ausgeprägten Lektoratsmechanismen – etwas, was in vielen Dokumentationsprojekten eher klein geschrieben wird, mangels Zeit und Geld.
Fazit
Ingesamt liefert das Buch einen aktuellen Überblick über viele Aspekte der technischen Dokumentation, bleibt aber notwendigerweise oft oberflächlich. Es ist für alle Leser etwas dabei, auch wenn der Anspruch der kritischen Analyse nicht immer gehalten wird. Gekauft hätte ich es mir vermutlich nicht, da ich durch meine Internetaktivität so viel Überblickswissen habe, dass Bücher üblicherweise den Details vorbehalten sind.
Votum: 6/10 Sternchen

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